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Zu Fuß durchs romantische Mittelrheintal

Rheinsteig-Wanderung am Wochenende

Ich bin noch nie gewandert. Natürlich Tagestouren und dann auch mal längere Strecken. Aber über mehrere Tage noch nie. Außer vor sehr langer Zeit mit einer Freundin aus Barcelona in den französischen Pyrenäen. Allerdings hat damals ein Esel unser Gepäck getragen und der Esel hat das nicht gerade flotte Tempo vorgegeben, denn wie ja bekannt ist, tragen Esel nicht nur Gepäck, sondern sind auch stur. Unser Esel hatte zudem viel Hunger und blieb entsprechend häufig stehen. Auch weibliche Artgenossinnen, denen wir ab und zu begegneten, hatten es ihm angetan. Wir kamen also nicht weit voran, in meiner Erinnerung maximal 10 Kilometer pro Tag. Es war trotzdem oder gerade deshalb eine sehr schöne Zeit, aber davon berichte ich vielleicht ein andermal.

Nun wollte ich einmal „richtig“ wandern und meine Schwester und unser Vater auch, weshalb wir Töchter ihm ein Wanderwochenende zum Geburtstag schenkten. Die grobe Destination war auch recht schnell gefunden, nachdem wir eingesehen hatten, dass eine Wanderung von Köln nach Kassel, was unsere ursprüngliche Idee war, unseren zeitlichen Rahmen doch etwas gesprengt hätte – und 250 Kilometer für Wandereinsteiger vielleicht doch etwas zu ambitioniert sein könnten. Der Rheinsteig also. Die Aufgabe, eine Route zu planen, fiel mir zu. Ich hielt also Ausschau nach einer an einem Wochenende gut machbaren Tour mit möglichst spektakulären Wanderhighlights entlang einer abwechslungsreichen, romantischen, Rheinroute. Unterkünfte waren auch recht schnell gefunden. Was ich allerdings übersehen hatte: Die ausgewählte Rheinsteigetappe gilt als besonders herausfordernd („sehr schwer“) und es werden „alpine Erfahrungen“ und „Trittsicherheit“ vorausgesetzt. Unter diesen Voraussetzungen machten sich ein fitter, zumindest etwas wandererfahrener Mittsiebzigjähriger und zwei fitte, etwas jüngere Wanderunerfahrene auf den Weg.

Wandern auf dem Rheinsteig
Blick auf St. Goar und St. Goarshausen

Eigentlich wollten wir Freitagnachmittag schon eine erste kurze Rheinsteigetappe wandern. Allerdings mussten wir einsehen, dass das nach Arbeit zumindest bis zum frühen Nachmittag und anschließend zweistündiger Zugfahrt von Köln nach St. Goarshausen zeitlich kaum machbar ist. Entsprechende Planänderung: Wir reisen gemütlich mit dem Zug an, beziehen unsere Unterkunft und gehen zusammen essen mit Blick auf den Rhein als gute Einstimmung auf unser Wanderwochenende. Gesagt, getan. Erste Herausforderung: Vater und Schwester sind am Hauptbahnhof in Köln in einen anderen, unverbundenen Zugteil des Regionalzuges eingestiegen als in den, in den ich am Bahnhof Süd zusteige. Zum Glück gibt es Handys und wir finden uns wieder. Gegen Abend erreichen wir St. Goar, schlendern durch das hübsche Örtchen, in dem viele Besucher die letzten Sonnenstrahlen in der Außengastronomie genießen, und nehmen die Fähre hinüber auf die andere Rheinseite nach St. Goarshausen.
Das dauert nur wenige Minuten, ist aber so schön und entspannt, dass sich bei uns das Urlaubsfeeling sofort einstellt.

Wandern auf dem Rheinsteig
St. Goar und St. Goarshausen trennt nur der Rhein

In St. Goarshausen angekommen, laufen wir noch etwa einen Kilometer rheinabwärts zu unserer Unterkunft, einer privaten Unterkunft bei einer sehr netten Familie, wo wir zwei Zimmer unter dem Dach beziehen. Ich kann kaum glauben, was meine Schwester Maya aus ihrem Wanderrucksack zaubert: ein feines Ausgehblüschen und ein paar Lederschuhe! Kein Wunder, dass ihr Rucksack so schwer ist. Für den Rest des Wochenendes muss sie sich blöde Sprüche anhören, zumal sie andererseits nur eine 500 ml-Wasserflasche dabei hat. Aber auch Markus, unser Vater, ist gut ausgestattet und hat auch ein Paar Extraschuhe dabei. Diesen Extrabalast habe ich mir nicht gegönnt und nehme dafür gerne in Kauf, nun neben den beiden Ausgehfeinen wie der plumpe Wandertrampel rumzulaufen.

Wir nehmen Platz in einem Restaurant mit Blick auf den Rhein. Genau so hatten wir uns das vorgestellt. Das deftige Essen passt gut dazu und nichts stört diese Idylle, bis auf den Besoffenen, der wohl Streit mit seiner Liebsten hat und immer wieder lauthals schreiend und fluchend und sie wild beschimpfend vorbeigelaufen kommt. Auch in St. Goarshausen gibt es Verrückte!

Wandern auf dem Rheinsteig
Abendstimmung in St. Goarshausen
Wandern auf dem Rheinsteig
Burgenblick nach St. Goar

Unser Rheinblickzimmer macht seinem Namen alle Ehre und so schlafen wir mit Blick auf den Rhein ein. Morgens erwartet uns ein üppiges Frühstück auf dem Balkon der Familie, ebenfalls mit Rheinblick. Jetzt um 8 ist es noch angenehm kühl. Als wir schon sehr satt sind und gerade aufbrechen wollen, kommt der superfreundliche Hausherr noch mit einer sehr leckeren russischen Spezialität um die Ecke: noch warmen, frisch gebraten Zucchinipuffern, die wir kaum ablehnen können und die wirklich köstlich schmecken. Erst sorgen wir uns, wie wir damit im Bauch die heutigen 24 Kilometer bewältigen sollen. Später sind wir nach aller Anstrengung froh, so reichhaltig gefrühstückt zu haben und entsprechend lange Zeit satt zu bleiben.

Samstag: Rheinsteig-Etappe 15 von St. Goarshausen nach Kaub

Rucksack gepackt, Wanderschuhe angezogen und los geht’s. Erstmal kaufen wir Proviant in einer Bäckerei in St. Goarshausen, sollten wir trotz der Zucchinipuffer wider Erwarten doch noch einmal Hunger verspüren auf dem Weg nach Kaub.
„Schwere Wanderung. Sehr gute Kondition erforderlich. Gute Trittsicherheit, festes Schuhwerk und alpine Erfahrung notwendig.“ Das schreibt komoot zu unserer Route und wir sind uns uneins, ob das etwas übertrieben ist (meine Meinung bzw. Hoffnung) oder nicht (die Meinung der anderen). Ich hoffe, ich behalte recht, denn da ich die Route geplant habe, fühle ich mich auch dafür verantwortlich, dass wir alle gut ankommen. Wer sich unter Rheinstieg eine gemütliche, flache Wanderstrecke direkt am Fluss entlang vorgestellt hatte, merkt auf Etappe 15 sehr schnell, dass das Wunschdenken war. Schon die ersten Meter führen uns stetig steil bergan und wir fragen uns insgeheim, ob wir jemals in Kaub ankommen werden, sollte das so weitergehen. Die Ausblicke auf den sind durch das Mittelrheintal schlängelnden Rhein sind gigantisch, überall Burgen, zum Teil noch richtig gut erhalten. Die Strecke ist total abwechslungsreich und führt durch Wald, Feldwege entlang, immer wieder mit tollen Aussichtspunkten, die wir gar nicht alle ansteuern, da wir schlecht einschätzend können, wann wir Kaub erreichen werden. Nach wenigen Kilometern hat man zum Beispiel gleich schon den imposanten Drei-Burgen-Blick und eine Infotafel zur Geschichte der drei Burgen gleich dazu. Was bei den Aussichtspunkten etwas frustrierend ist: Man denkt, man ist schon weit gelaufen. Da wir aber immer talauf- und einwärts von Rhein weg geleitet werden und wieder zurück, wirkt es den Blick zurück auf den Rhein so, als wären wir gerade erst ein paar Meter gegangen. Luftlinie ist es auch nicht weit.

Wandern auf dem Rheinsteig
Überall romantische Burgen und Burgruinen
Wandern auf dem Rheinsteig
Erste Rast mit Premium-Rheinblick

Wir wandern den ganzen Tag guter Dinge. Schnell finden wir ein gutes gemeinsames Tempo. Viele Strecken können wir sogar entspannt zu zweit oder sogar zu dritt nebeneinander gehen, uns unterhalten und dabei rechts und links die leckersten reifen Brombeeren ernten. Nicht, dass wir nach den Zucchinipuffern schon wieder Hunger hätten. Aber vor allem ich kann den süßen Früchten kaum widerstehen.

Ein besonderer Höhepunkt dieser Etappe ist natürlich die Loreley, wonach ich diese Strecke auch ausgewählt habe. Es ist ganz ungewohnt, nach vielen recht einsamen Kilometern plötzlich auf unzählige Loreley-Ausflügler zu treffen. Wir gehen lieber weiter und versuchen, später noch einmal einen Blick auf den Loreleyfelsen zu erhaschen, was uns beim Aussichtspunkt Spitznack gelingt. Über eine Hochebene und schönste Felder geht es schließlich hinunter durchs schattige Urbachtal. Maya hat schon seit längerem nichts mehr zu trinken. Wir teilen uns den letzten Apfel. Zum Glück erreichen wir bald den Ort Dörscheid, wo wir ein Café mit herrlicher Sonnenterrasse finden und dort ein alkoholfreies Hefeweizen bzw. eine Rhababerschorle 0,5 exen.

Wandern auf dem Rheinsteig
Nicht mehr weit bis Kaub!

So gestärkt ist die letzte Etappe bis Kaub easy. Auch das „alpine Gelände“, das besonders gekennzeichnet ist und das übervorsichtige Wandersleute weitläufig umgehen könnten, kann uns jetzt nicht mehr schocken. Es ist auch ziemlich harmlos, ein felsiger Abschnitt, wo wir recht steil bergab kraxeln müssen. Es gibt allerdings ein Seit zum Festhalten und der Abschnitt ist sehr kurz.

Glücklich, die anspruchsvolle, lange Strecke geschafft zu haben, erreichen wir unser Etappenziel Kaub. Ein hübsches Örtchen direkt am Rhein, mit gepflasterten Gässchen, Kirche und Marktplatz mit Außengastronomie. Wir beziehen erst einmal unser Dreibettzimmer in der Jugendherberge, die in einem historischen Gebäude mit modernem Anbau untergebracht ist und sehr leckeres Essen anbietet. Wir haben Halbpension gebucht und die Zucchinipuffer sind inzwischen verbrannt. Wir hauen ordentlich rein und wenn es nach mir ginge, würde ich mich anschließend direkt schlafen legen, aber Markus ist immer noch fit und überredet Maya und mich zu einem Absacker auf der Terrasse eines netten Lokals am Marktplatz. Jetzt beneide ich die beiden etwas um ihre Wechselschuhe. In meinen Wanderschuhen sind meine Füße nun doch etwas schwer und ich freue mich sehr auf mein Bett. Mit offenem Fenster und Blick auf den Rhein schlafen wir ruhig durch bis zum nächsten Morgen.

Wandern auf dem Rheinsteig
Unser Etappenziel Kaub

Sonntag: Rheinsteig-Etappe 16 von Kaub nach Lorch und mit dem Zug zurück nach Köln

Ausgeruht und schmerzfrei frühstücken wir lecker und reichhaltig in der Jugendherberge und gönnen uns noch ein Lunchpaket für die heutige Strecke. Die Brötchen dafür belegen wir selbst nach Wahl. Nach der gestrigen Strecke ist unsere heutige Etappe harmlos: Nur knapp 14 Kilometer Strecke von Kaub nach Lorch liegen vor uns, von wo aus wir mit der Fähre über den Rhein nach Niederheimbach übersetzen wollen und von dort aus mit dem Zug zurück nach Köln.

Auch die heutige Tour gilt als schwer, auch hier wieder der Hinweis auf die erforderliche alpine Erfahrung, Trittsicherheit, gute Kondition und festes Schuhwerk. Nach gestern kann uns das alles nichts mehr anhaben. Dass die Strecke wie gestern mit einem steilen Anstieg beginnt, stört uns nicht. Wir freuen uns schon auf den herrlichen Rheinblick von oben, den wir gleich haben werden. Über Serpentinenpfade, die sich durch die Weinberge schlängeln, erreichen wir die Burgruine Gutenfels. Von hier oben hat man einen prächtigen Blick auf die Burg Plalzgrafenstein, die auf der vor Kaub liegenden Rheininsel thront. Wir wandern weiter durch Wald. Mitten im Niedertal passieren wir die Grenze zu Hessen. Am Engweger Kopf und Schiebigkopf vorbei, haben wir schon bald einen schönen Blick auf Lorchhausen. Wieder passieren wir eine Ruine, die Ruine Nollig. Durch Weinberge wandern wir weiter, nun bergab, in Richtung unseres Zielortes Lorch. Weinliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Es gibt am Wegesrand Wein der Region zu kaufen (in Automaten), den man an schönen Aussichtspunkten genießen kann (was wir allerdings nicht tun). Die alpine Passage (ein bisschen Bergabklettern mit Seil) meistern wir auch ohne Probleme und müssen uns am Ende etwas sputen, um Fähre und Zug noch rechtzeitig zu erreichen. Die Überfahrt auf der Fähre, vorbei an einer Rheininsel ist wieder unheimlich schön. In Niederheimbach angekommen, haben wir noch Zeit für einen letzten Cappuccino mit Rheinblick, bevor wir uns vom wunderschönen Mittelrheintal verabschieden und den Zug in Richtung Köln nehmen. Auf der zweistündigen Rückfahrt haben wir ausreichend Zeit, unser erstes gemeinsames Wanderwochenende nochmal Revue passieren zu lassen und zu überlegen, was unser nächstes Wanderziel sein könnte. Denn dass das nicht unsere letzte Wanderung war, steht für uns alle schon fest. Eifelsteig, Moselsteig oder nochmal Rheinsteig – ich werde auf jeden Fall berichten!

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Wandern auf dem Rheinsteig
Tag 2 am Rhein

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