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Überhaupt nicht Lost in Translation

Eine Woche in Tokio

Das Jahr 2007 fing für Andi und mich großartig an: mit einem Städtetrip nach Tokio.
Die Stadt hat uns vom ersten Moment an total in ihren Bann gezogen und wir denken noch oft an unsere paar Tage in Tokio zurück. Wir wollen auf jeden Fall noch mal wieder kommen.

Von wegen lost in translation. Wir haben uns richtig gut aufgehoben, man kann sogar sagen geborgen gefühlt in der Stadt. Die Atmosphäre war Anfang Januar, wo fast kaum Touristen dort waren, geradezu heimelig. Alles durchdacht und gut ausgeschildert, auch auf Englisch, sodass wir uns nie verloren gefühlt haben. Erstaunlicherweise sprachen viele Japaner, die wir getroffen haben, kein oder nur sehr gebrochen Englisch, und trotzdem eilte uns in jeder Situation, in der wir hilflos hätten sein können, sofort jemand zur Hilfe. Zum Beispiel als wir in unserem ersten Hotel in der Frühstücksraum kamen und uns fragten, ob das Frühstück wohl ein Buffet sei, an dem man sich einfach bedient oder man wartet, bis man etwas gebracht bekommt. Durch Japanreiseführer und Bücher wird man ja schon fast verrückt gemacht: Achtung! Überall Fettnäpfchen! Bloß nichts verkehrt machen! Jedenfalls sah die Mutter der Familie am Nachbartisch wohl unsere hilflosen Gesichter und sprang sofort auf, um uns mit Händen zu Füßen zu zeigen, wie wir uns bedienen sollen.

Die netteste Situation haben wir auf unserem Ausflug nach Kamakura erlebt: Als wir vor dem Ticketautomat des Nahverkehrs standen und versuchten herauszufinden, welches Ticket wir wohl lösen müssen, trat eine Frau auf uns zu uns schenkte und zwei Tagestickets, die sie wohl nicht mehr benötigte. Im Zug haben wir uns dann offenbar versehentlich in die erste Klasse gesetzt (nach oben, um möglichst viel auf dem Weg nach Kamakura sehen zu können). Der Schaffner hat uns dann sehr höflich mit Gesten gezeigt, wo wir sitzen können.

Brenzlige oder unangenehme Situationen erleben wir in dieser Stadt jedenfalls nie, und das, obwohl Millionen Menschen hier auf engem Raum zusammen leben. Die Hauptaufgabe der Polizisten, denen wir in der Stadt begegnen, scheint jedenfalls zu sein, Touristen zu fragen, ob sie Hilfe benötigen und sie mit kostenlosen Stadtplänen zu versorgen.

In Tokio haben wir uns natürlich die Highlights angesehen wie Shibuya, den wunderschönen, mitten in Shibuya gelegenen Park mit dem Meijischrein, hippe junge Einkaufsviertel, Staunen über sehr modern gekleidete japanische Jugendliche mit braun gefärbten Haaren, die Mädchen die einen (linken) Fuß merkwürdig einknickend, alle auf ihren Handys herumtippelnd und trotzdem aufmerksam und rücksichtsvoll, z.B. in der vollen Metro, in der wir kein einziges Mal angerempelt wurden.

Tokio Japan Shibuya
Die berühmte Kreuzung in Shibuya
Tokio Japan Meiji
Meiji-Schrein

Was ich mir in diesen Tagen in Tokio wirklich vorgenommen habe: Nie wieder über japanische Touristen, die für uns so alltägliche Dinge wie das Interieur eines ICE fotografieren, zu lachen. Ich fotografiere hier nämlich alles, was den Einheimischen sicherlich mindestens genauso absurd erscheint. Hier einige Beispiele:

Tokio Japan Metro
Alles klar?
Tokio Japan Meiji
Ordnungsamt im Japan-Style
Hände waschen lassen

Was uns hier glücklich macht: Sich einfach durch die Stadt treiben zu lassen, die trotz ihrer Millionengröße so heimelig und entspannt wirkt. Die abgefahrenen, hypermodernen Geschäfte zu betreten. Viele sind wie Technikmuseen aufgebaut, in denen man alles ausprobieren kann. In den riesigen Foodcourts im Untergeschoss der Kaufhäuser bei dem unfassbaren Angebot an super leckeren Lebensmitteln gar nicht zu wissen, was man zuerst ausprobieren soll. Jeden Abend Sushi essen zu gehen und dabei zuzuschauen, wie es frisch zubereitet wird.

Wir haben außerdem das Glück, dass wir zufällig Anfang Januar in Tokio sind und so ganz unverhofft den sehr gut besuchten und dennoch ganz entspannten großen Neujahrsfeierlichkeiten im Park, in dem der Meijischrein liegt, beiwohnen können. Hier tauchen wir wirklich in eine komplett andere Welt ein, lassen uns durch den mit vielen exotischen Pflanzen bestückten Park treiben und kommen aus dem Staunen über Zeremonieren, papierne Neujahrswünsche an Bäumen und Zäunen nicht mehr heraus.

Tokio Japan Meiji
Neujahrszeremonie am Meiji Schrein
Tokio Japan Meiji
Wünsche zu Papier bringen

Harumi, eine mittlerweile mittelalte Japanerin, die in der 80er Jahren ein paar Wochen bei meiner Familie und mir verbracht hat, um Deutsch zu lernen, erklärt uns hinterher alles. Wir sind ihr sehr dankbar, dass sie extra aus ihrer ca. 200 km entfernten Stadt angereist ist, um uns zu treffen (wir hoffen, nicht nur auf Pflichtgefühl). Sie ist eine sehr engagierte Fremdenführerin und scheint sich über unser Interesse an kulturellen Hintergründen sehr zu freuen, jedenfalls erklärt sie uns alles gerne.

Harumi ist es auch, die uns in ein traditionelles japanisches Restaurant ausführt, das wir ohne sie niemals gefunden, geschweige denn betreten hätten, schon alleine, weil es im ersten Stock eines unauffälligen Gebäudes liegt und die Menukarte ausschließlich auf japanisch existiert. Wir ziehen unsere Schuhe aus, setzen uns auf den Boden an ein niedriges Tischchen und Harumi bestellt japanisches Fondue für uns. Sehr gemütlich und sehr lecker! Am Ende bezahlt sie unser sicherlich nicht ganz günstiges Essen, bevor wir es realisieren können. Und obwohl wir ein bisschen schlechtes Gewissen haben, weil wir wissen, dass sie bei ihren Eltern lebt (was für alleinstehende Japanerinnen um die 50 nicht unüblich zu sein scheint) und extra angereist ist, freuen wir uns und sagen lieber nichts, denn das ist augenscheinlich eine der interkulturellen Situationen mit Fettnäpfchen- und Gesichtsverlustpotenzial.

Japanisches Fondue

Wovon wir auch mehr als hingerissen sind: von unserem Hotel Okura, das zentral auf einer Anhöhe zwischen verschiedenen Botschaften liegt und eine perfekte Mischung aus japanischem Design und gut erhaltendem 60er Jahre Charme versprüht. Hier stimmt einfach jedes Detail: Die Loungemöbel der Lobby, die kubenartig von der hohen Decke der Lobby herabhängenden Lampen, die liebevollen, großen Zimmer mit Panoramafenster. Wir fühlen uns wie im 60er Jahre japanischen James Bond Film. Die Kimonos statt Bademäntel und die Origamischwäne statt Schokolädchen auf den Betten. Bevor wir einschlafen, genießen wir die Lichter der Stadt aus dem 12. Stock und schlafen dann glücklich ein.

Tokio Japan Okura
Lobby im Hotel Okura
Tokio Japan Okura
Interessanter Zimmerausblick

Wem das Hotel (verständlicherweise) zu teuer ist (wir haben es uns auch nur 3 oder Nächte geleistet), der findet auch andere, einfachere, aber ebenfalls saubere Hotels, die zentral liegen. Wir haben z.B. ein paar Nächte im Hotel The B Akasaka verbracht. Einfach, sauber, kleine Zimmer, aber mit eigenem Bad, alles, was man braucht und schöne, zentrale Lage. Mit Frühstück (japanisch-westlicher Mix, lecker).


Kamakura
Ein lohnendes Ausflugsziel ist das nicht weit entfernte Kamakura mit einen schönen Tempelanlagen inklusive Riesenbuddha, den man von innen anschauen kann. Trotz Dauerregens wirkt diese Stätte magisch.

Buddha Kamakura Japan Tokio
Der Große Buddha in Kamakura

Ein spannendes Viertel: Rund um Omotesando mit seinen flachen Bauten schon fast ländlich-idyllisch wirkt, die Läden aber alle hip und jung sind. Hier könnte man Geld ohne Ende ausgeben, vor allem für sportliche Mode im Japanstyle. Es ist auch nicht so teuer hier, wie immer behauptet wird, jedenfalls nicht teurer als zuhause, weder das Essen noch die Klamotten.

Auf den Wegen durch die einzelnen Viertel sollte man sich auf keinen Fall die zahllos überall herumstehenden Getränke- und Suppenautomaten entgehen lassen. Am besten einfach irgendeine Taste drücken und sich überraschen lassen, was raus kommt. Ob süßer Tee oder herzhafte Suppe – alles nicht schlecht, um sich bei der Kälte auf der Straße auszuwärmen und anschließend beschwingt und warm weiter zu shoppen.

Tokio Japan Reiseblog
Getränkeautomat

Als Pärchen bietet sich natürlich auch ein Besuch im Love Hotel an. Hier bleibt wirklich kein Wunsch unerfüllt: vom Bett im Kornfeld bis zum roten Plüschpuff. Muss man einfach mal gesehen haben! Und teuer ist es auch nicht für ein Stündchen. Jedenfalls eine alternative Pausenidee zum Cafébesuch. Die Love Hotels haben hier auch gar nichts Anrüchiges. Es scheint offenbar ganz normal zu sein, dass sich Paare hier hin zurück ziehen.

Tokio ist übrigens wirklich so sauber wie wir es uns vorgestellt haben, eigentlich noch viel sauberer. Ohne Probleme kann man in jeder öffentlichen S-Bahn-Station bedenkenlos die Toilette aufsuchen. Vermutlich könnte man dort sogar von der Klobrille essen. Außerdem sollte man es sich bei so einer Gelegenheit nicht entgehen lassen und die Toilettenfunktionen alle mal ausprobieren: z.B. Popowaschen durch Spüldüsen. Ihr habt Sorge, der Toilettennachbar könnte Geräusche Eures Geschäfts mitbekommen? Kein Problem, einfach die Taste für den Spülsound drücken, dann denkt er, Ihr spült schon, obwohl Ihr noch pupst. Genial! Wem das noch nicht an Privatsphäre reicht, der sei beruhigt. Solche Klofunktionen gibt es auch auf dem privaten Hotelklo!

Vollautomatisches Klo

12 Dinge, die man in Tokio gesehen und gemacht haben sollte:

  • Im Hotel Okura übernachten und sich fühlen wie im 60er Jahre Japan-James Bond Film
  • Eine Shoppingpause im Love Hotel verbringen
  • Sich von einem unbekannten Getränk oder einer Suppe aus den überall auf der Straße stehenden Automaten überraschen lassen 
  • Den Riesenbuddha in Kamakura besuchen 
  • In den Foodcourts der Kaufhäuser so viele neue Spezialitäten wie möglich probieren 
  • Sich den Po auf einer der Hightech Klobrillen waschen und dabei den Spülsound anstellen 
  • Sich in einem Sumo-Restaurant mit Sushi satt essen 
  • Aus einem der anliegenden Cafés das geschäftige Treiben auf der berühmten Shibuya-Kreuzung im gleichnamigen Stadtteil beobachten 
  • Sich in einem der zahlreichen Spielzeugkaufhäusern (z.B. im Hakuhinkan Toy Park, dem größten Spielzeuggeschäft der Stadt im Stadtteil Ginza oder auf 7 Etagen im Kiddy Land in Harajuku) vom Angebot überwältigen lassen und kitschige Souvernirs kaufen (2 ganze Etagen Hello Kitty!!!) 
  • Den Meiji-Schrein zusammen mit 5 Millionen anderen Besuchern während der Neujahrsfestlichkeiten in den ersten Tagen des Jahres besuchen 
  • Nachts den einmaligen Blick auf die Milliarden bunter Lichter der Stadt vom 238 Meter hohen Mori Tower in Roppongi genießen. Durch das ganz oben im Turm liegende Mori Art Museum, das im Eintrittspreis inbegriffen ist, zu schlendern und ein Getränk im Sunset Café mit Blick auf die ganze Stadt zu genießen, fanden wir auch sehr lohnenswert). Ganz spezielle Atmosphäre! 
  • Modernes Design und Architektur in Omotesando und Umgebung bestaunen

Fotogalerie

Kommentare

Hallo,
Eure Tokio-Geschichte habe ich kurz vor unserer Japanreise gelesen, von der wir vor drei Tagen wiedergekommen sind. Sie hat mir gleich gut gefallen, aber jetzt kann ich sagen: Ja! Es ist genau so, wie Ihr schreibt. Besonders das sympathische Klima und das Gefühl, willkommen zu sein, fanden auch wir ungeheuer bemerkenswert. Einige von Euren Tokio-Lieblingsdingen und viele andere interessante Dinge stehen für uns nach sechs Tagen in der riesigen Stadt noch aus, und wir sind wild entschlossen, wiederzukommen. Bis dahin freue ich mich sehr auf Eure Berichte von Eurer Japan-Reise im Sommer.
Eine schöne Woche!
Maria

Jenny

Hallo Maria,

vielen Dank für Deine Nachricht. Ich bin froh zu hören, dass Ihr das "heimelige Gefühl" auch so erlebt habt und dass sich das seit 2007 offenbar nicht geändert hat. Und wenn Ihr noch Japan-Tipps für uns habt...gerne! Wir freuen uns sehr auf die Reise.

Viele Grüße,

Jenny

Sehr genial Euer Blog über Tokio - ich bin mit allen 10 Punkten (was man in Tokio machen sollte) 100% de acuerdo :-)Gerade die Toiletten und die Getränkeautomaten - mhh, warme Maissuppe im Winter - sind faszinierend. Ich wollte eigentlich eine solche High-tech-Toilette mitnehmen, die kosten jedoch mehrere 1000 €, und dann noch der Transport! Tokio mola :-)

Un abrazo y saludos desde Munich
Birgitta y Alejandro

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