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Süditalien im Herbst: Neapel

Fröhliches Chaos, bunte Kultur und pulsierendes Großstadtleben

Wo gibt es in (West-)Europa noch eine Metropole, die ihren leicht chaotisch-morbiden Charme bis heute erhalten hat und weder herausgeputzt noch heruntergekommen, sondern einfach authentisch daherkommt?
Durch die vollen, lauten Straßen Neapels sind wir schon das ein oder andere Mal mit dem Taxi gefahren, immer jedoch nur auf der Durchreise, um möglichst schnell zur Fähre nach Ischia oder mit dem Mietwagen raus aus der Stadt ins Richtung Süden ins Cilento oder auch nach Apulien zu gelangen. In diesen Herbstferien haben wir uns vorgenommen, die Hauptstadt Kampaniens im Süden Italiens einmal besser kennenzulernen.

Nachdem wir unsere ersten Urlaubstage auf der vorgelagerten kleinen Insel Procida (zum Blog-Artikel) verbracht und auf dem Hinweg dorthin schon einen ersten Eindruck des neapolitanischen Trubels bekommen haben, kehren wir nun zurück und tauchen mitten ein in das pulsierende Großstadtleben. Das Taxi vom Hafen wirft uns mitten in der Innenstadt raus. Unser Hotel liegt sehr zentral mitten im napoletanischen Leben. Von der Dachterrasse auf dem 6. Stock haben wir einen gigantischen Blick auf die riesige Metropole und ihre Ausläufer. Wir blicken auf den Hafen, in dem gerade zwei überdimensionierte Kreuzfahrtschiffe ankern, auf unzählige Hausdächer, Werbetafeln, hupende Autos, ein Kastell, und natürlich, sehr beeindruckend, auf den Vesuv in nächster Nähe.

Wir wollen keine Zeit verlieren, sondern direkt eintauchen in das faszinierende Spektakel dieser Stadt. Zu Fuß gehen wir von der Piazza Giuseppe Garibaldi aus gleich los und stürzen uns in das historische Zentrum (Centro Storico) Neapels. Klar muss man hier als Tourist:in etwas vorsichtig sein, wie allerdings in jeder anderen Metropole auch. Es ist voll, es ist eng, es ist heiß, wir bleiben häufig stehen, um uns zu orientieren oder einfach nur zu staunen. Die engen Gassen, die Wäsche, die tatsächlich überall hängt, genauso, wie wir uns das vorgestellt haben. Die Händler, die mit Schubkarren geschäftig durch die Gassen eilen, die hupenden Mopeds, die Kellner, die Kaffee und Wasser in Tortenbehältern durch die Straßen balancieren. Hier sieht es wirklich noch genau so aus, wie es vermutlich schon vor 50 Jahren aussah, nichts hier erscheint schick hergerichtet, sondern authentisch-abgeblättert im Originalzustand. Zum Glück wird das auch so bleiben, denn die Altstadt ist UNESCO Kulturerbe.

Altstadttrubel und Street Art auf der Via dei Tribunali

Als perfekten Einstieg in das trubelige Altstadtleben bietet sich ein Gang durch die Via dei Tribunali an, die praktischerweise gleich in der Nähe unseres Hotels startet und einmal durch die gesamte Altstadt führt. Überall kleine Lädchen, Bars, Werkstätten, Touristen und Einheimische. Die Altstadtstraßen sind autofrei, allerdings drängen sich ab und zu Mopeds und Vespas durch die Fußgängerströme. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Wer bis zur Piazza Gerolomini geht, kann das berühmte Bild der Madonna mit Knarre als Heiligenschein des Künstlers Banksy bewundern. Street Art gibt es fast überall in der Altstadt von Napoli.

Geschäft auf der Via dei Tribunali
Geschäft auf der Via dei Tribunali
"Madonna with a pistol" von Banksy
"Madonna with a pistol" von Banksy
Altstadttrubel
Altstadttrubel

Via San Gregorio Armeno: Straße des Krippenkitschs und des Chili-Glücksbringers

Von der Via dei Tribunali biegt ihr auf die Via S. Gregorio Armeno oder besser bekannt als Krippenstraße ab. Das Angebot an Krippen und Krippenfiguren aller Art ist einfach überwältigend und skurril. Nicht nur Maria, Joseph und das Jesuskind finden sich hier wieder, sondern auch berühmte Persönlichkeiten vom Popstar bis zur Spitzenpolitikerin werden hier angeboten. Außerdem gibt es überall den typisch neapolitanischen Glücksbringer, eine knallrote Chilischote, als Kette, Armband, Porzellanfigur, Stofftier, etc. Es ist einfach lustig, einen Bummel durch die Krippenstraße zu unternehmen und über das Überangebot an Kitsch zu staunen.

In der Krippenstraße in Neapel
In der Krippenstraße in Neapel
Riesige Auswahl an Krippenfiguren
Riesige Auswahl an Krippenfiguren
Promis als Krippenfigur
Promis als Krippenfigur

Murales: Fußballgott und Stadtheiliger

Großformatige Street Art ist in Napoli wirklich überall zu finden. Was sich auf jeden Fall lohnt, ist ein Spaziergang in die Quartieri Spagnoli, um hier das Bildnis des argentinischen Fußballgotts Diego Armando Maradona zu bestaunen. Maradona ist eine Art Stadtheiliger Neapels, hat er der neapolitanischen Fußballmannschaft, dem SSC Neapel, doch einst großen Ruhm beschert und die Mannschaft in zwischen 1984 und 1991 zu zwei italienischen Meisterschaften und jeweils einem Pokal- und einem, UEFA-Cup-Sieg verholfen. Der Tod Maradonas scheint die gottähnliche Verehrung eher noch verstärkt zu haben. Wenn ihr in den Quartieri Spagnoli die steilen Stiegen einer schmalen Gasse hochgeht, sehr ihr ihn plötzlich überlebensgroß vor euch an der Hauswand, verdeckt nur von staunenden Fans und neugierigen Touristenmassen. Auf der kleinen Piazza lassen sich auch einige Maradonasouvenirs, Trikots etc. erstehen.
Ein ebenso bekanntes Kunstwerk ist das riesige Bildnis des eigentlichen Stadtheiligen San Gennaro, das ihr in an der Straßenecke von Via Duomo und Vicaria Vecchia findet. 

Diego Armando Maradona an der Hauswand
Diego Armando Maradona an der Hauswand
Riesige Verehrung
Riesige Verehrung
Maradona-Schrein
Maradona-Schrein

Stazione Dell‘Arte: Toledo

Noch mehr (fast) frei zugängliche Kunst gibt es in der Metrostation Toledo, gar nicht weit von den Quartieri Spagnoli und dem Maradonakult entfernt. Für den Preis eines Metrotickets (1,20 €) fahrt ihr mit der Rolltreppe hinab und könnt schon einmal die blau schimmernden Mosaiksteinchen um euch herum bewundern. Dann öffnet sich die Wandkunst in einer Art hohem Schornstein, was ziemlich beeindruckend ist. Und wenn ihr schon mal unten angekommen seid, könnt ihr auch gleich die Metro nehmen und bequem zu eurer Unterkunft zurück fahren, so wie wir zur Endstation Garibaldi, um uns (vor allem den Kindern) den Rückweg zu Fuß zu ersparen.

Metrostation Toledo
Metrostation Toledo

Klassizistisch Shoppen oder einfach nur Staunen in der Galeria Umberto I

Shoppen kann man in Neapel natürlich fast überall. Es gibt viele große Einkaufsstraßen in der Fußgängerzone mit den allbekannten Labels, schicke Boutiquenviertel (Neapel ist ja nicht nur arm und teilweise etwas heruntergekommen, sondern andererseits auch sehr reich und schick) und überall kleine Lädchen. Vor allem die vielen kleinen Sneakerläden haben es unseren Jungs angetan und wir besuchen einige davon. Die klassizistische Galeria Umberto I, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts, haben wir nicht zum Shoppen besucht, sondern um die herrschaftliche Architektur auf uns wirken zu lassen und ein paar schöne Fotos zu machen. Ein Ausflug in die höher gelegenen Viertel Neapels lohnt sich ohnehin, da man hier zum einen die Piazza del Plebiscito besuchen und zum anderen mit dem Funiculare auf den Berg ganz hinauf fahren und die einmalige Aussicht auf ganz Neapel genießen kann.

Galeria Umberto I
Galeria Umberto I
Imposante Glaskuppel
Imposante Glaskuppel

Piazza del Plebiscito

Wer nach dem Besuch der Galleria Umberto I noch mehr Lust auf Klassizismus bekommen hat, muss nicht weit laufen bis zur nahen Piazza der Plebiscito, die schon allein aufgrund ihrer gigantischen Größe beeindruckt. Man kann sich hier sowohl königliche Empfänge wie militärische Aufmärsche sehr gut vorstellen. Heute ist der Platz eher Flaniermeile für Touristen und Einheimische gleichermaßen.

Piazza del Plebiscito
Piazza del Plebiscito
An der Piazza
An der Piazza

Mit dem Funiculare zum besten Aussichtspunkt

Wenn man es schon bis zur Piazza der Plebiscito geschafft hat, kann man auch gleich noch ein paar Schritte weiterlaufen und mit dem Funiculare noch weiter den Berg nach Montecalvario hinauf fahren, um spektakuläre Blicke auf Neapel zu erhaschen. Ganz oben angekommen, laufen wir dafür um das Castel Sant‘Elmo herum und finden gute Aussichtspunkte. Nicht nur Stadt, Vesuv, Hafen und Meer sehen wir, sondern erkennen in weiter Ferne sogar auch unser Hotel. Dass wir diesen Weg zurück heute nicht mehr zu Fuß zurücklegen werden, wird uns bei diesem Anblick schnell klar. Da fahren wir lieber wieder mit dem Funiculare nach unten, essen noch ein sehr leckeres Eis auf einem der vielen schönen kleinen Plätze an der Via Toledo und fahren dann mit der Metro zurück zum Bahnhof Garibaldi. Kunst wieder inklusive, denn wir steigen wieder an der Kunststation Toledo ein.

Funiculare
Funiculare
Blick auf Neapel
Blick auf Neapel

Hauptstadt der Pizza vom Feinsten: L‘antica Pizzeria da Michele und Spritz to go

Seit 1870 gibt es diese berühmte Pizzeria schon und sie ist gleich um die Ecke unseres Hotels. Die Schlagen davor sind enorm. Aber die Pizza wird auch als die beste Pizza Napolis, Italiens und der Welt gerühmt. Spätenstens seit Julia Roberts in „Eat, pray, love“ bei Michele eine Pizza aß, hat die Pizzeria tatsächlich Weltruhm erlangt. Zunächst sind wir skeptisch, als wir die Schlangen sehen. Stundenlang anstehen für eine Pizza? Andererseits sind wir schon neugierig. Hier gibt es genau 4 verschiedene Pizzen, wobei die vierte eine Mischung aus der ersten und zweiten ist (halb-halb). Drinnen sitzt man im Neonlicht eines weiß gekachelten Raums, gemütlich ist was anderes, irgendwie ist es aber auch authentisch. Wir versuchen es immer wieder, am letzten Tag haben wir Glück und die Schlange ist recht kurz. Wir entscheiden uns, vier Pizzen auf die Hand mitzunehmen (die To go- Schlange ist kürze als die Restaurantschlange) und müssen nur 10 Minuten warten. Auf dem Rückweg zum Hotel holen wir uns noch einen Aperol Spritz (ebenfalls zum Mitnehmen) und öffnen dann gespannt die Pizzakartons auf der Dachterrasse des Hotels. Die Pizzen sind so groß, dass sie kaum in die Kartons passen. Und sie schmecken wirklich himmlisch, und das, obwohl sie gar nicht mehr heiß sind. Zusammen mit dem Blick auf den Vesuv und die Lichter der Stadt ein echter Traum! Alles richtig gemacht!

Pizzeria da Michele
Pizzeria da Michele
Spritz to go
Spritz to go

Ausflug nach Herculaneum

Achtung, ich sage es gleich vorab, damit euch nicht dasselbe passiert wie uns. Es ist Mittwoch, also mitten in der Woche, voller Vorfreude brechen wir mit dem Zug auf nach Herculaneum (Ercolano), steigen dort aus und laufen die Straße bergab bis zur den Ausgrabungsstätten, die anderes als Pompeji, jedoch nicht weniger eindrucksvoll sein wollen. Dort angekommen, stehen wir vor verschlossenen Toren. Mittwoch Ruhetag! Nach anfänglicher Enttäuschung haben wir das Beste draus gemacht und uns über einen unverhofften zusätzlichen Neapeltag gefreut, an dem wir die Stadt nochmal viel intensiver kennengelernt haben. Den Besuch von Herculaneum haben wir auf unserer Rückreise aus dem Cilento eineinhalb Wochen später nachgeholt.

Herculaneum wurde ebenso wie Pompeji vom Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr. kalt erwischt. Die von Lava zerstörte Stadt geriet irgendwann in Vergessenheit und eine neue Stadt wurde darauf richtet. Und nun seit einiger Zeit wieder mühsam ausgegraben. Ein Viertel der damaligen Stadt Ercolano ist bislang freigelegt und das ist wirklich beeindruckend. Dadurch, dass die Stadt fast zwei Jahrtausende sozusagen luftdicht verschlossen war, ist vieles sehr gut erhalten. Skelette von Menschen, die sich über die Bootshäuser aufs Meer flüchten wollten, gewöhnliche Wohnhäuser, Werkstätten, Badehäuser, Tempel, Suppenküchen und vieles mehr ist erhalten geblieben, Wandmalereien, Skulpturen und Marmorplatten, die Bewohner und Gewerbetreibende vor dem „bösen Blick“ schützen sollten. Und das Ganze auf kompakter Fläche (viel kleiner als die Ausgrabungsflächen von Pompeji) inmitten des neues Ercolano direkt vor den Toren Neapels, sodass man die Ausgrabungen gut erreichen und auch als Familie in ungefähr zwei Stunden alles sehen kann.

Straße in Herculaneum
Straße in Herculaneum
Wohnhaus in Herculaneum
Wohnhaus
Männerumkleide in den Thermen
Männerumkleide in den Thermen
Wandmosaik
Wandmosaik
Gebäude mit Wandmalereien
Gebäude mit Wandmalereien
Gut erhaltenes Fresko
Gut erhaltenes Fresko

Ausflug nach Pompeji

Vor einigen Jahren verbrachten wir eine Woche auf der Insel Ischia im Golf von Neapel. Damals haben wir einen Tagesausflug nach Pompeji unternommen und die wohl berühmteste Ausgrabungsstätte am Vesuv besucht. Infos zu unserem Besuch findet ihr in unserem Artikel "Die römische Stadt Pompeji".

Straße in Pompeji
Straße in Pompeji
Apollo-Tempel
Apollo-Tempel

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