26.11.2018 15:24
von Jenny
(Kommentare: 2)
Deutschland

Hambi bleibt - Manheim nicht

Ausflug ins Braunkohlerevier

Hambacher Forst

Wir haben Petitionen unterschrieben und mit den Aktivisten im Hambacher Forst mitgezittert. Vor Ort waren wir noch nie. Das wollen wir ändern und machen einen Sonntagsausflug ins Braunkohleabbaugebiet gleich vor den Toren Kölns im Westen. Mit dabei sind unsere Jungs und Anton, Milans Freund und Klassenkamerad.

Unser erstes Ziel: Manheim, ein „Geisterdorf“, das dem Braunkohleabbau weichen soll und schon fast komplett umgesiedelt wurde nach Manheim-neu. Wie wird es dort aussehen? Wie werden uns die dort weiterhin lebenden Bewohner empfangen, wenn wir durch die leeren Straßen ziehen und Fotos machen?

Schon nach kurzer Fahrt über Autobahn und leere Landstraßen erreichen wir Manheim. Das erste, was wir sehen, sind mehrere Mannschaftswagen der Polizei, die wohl überwachen sollen, dass die verlassenen Häuser nicht besetzt oder sonstiger Unfug damit getrieben wird. Alles wirkt friedlich und verlassen, ein bisschen wie eine Filmkulisse. Ein paar vereinzelte Autos auf der Dorfstraße. Ob sie zurückgebliebenen Anwohnern gehören oder neugierigen Besuchern wie uns?

Hambacher Forst
Ist hier noch jemand?
Hambacher Forst
Alles ist verlassen
Hambacher Forst
Die Hauptstraße
Hambacher Forst
Verlassene Hauptstraße
Hambacher Forst
Ortskern von Manheim
Hambacher Forst
Marktplatz Manheim
Hambacher Forst
Manheim

Zuerst steuern wir die St. Albanuskirche an, die natürlich ebenfalls der Braunkohle weichen soll, und schlendern einmal drumherum. Hier treffen wir auf drei weitere Schaulustige, die es genauso surreal wie wir zu finden scheinen, dass es möglich ist, ganze Ortschaften plattzumachen, um weiterhin Braunkohle zu fördern. Ein Polizeiwagen fährt langsam vorbei, stört sich aber nicht an uns.

Hambacher Forst
St. Albanuskirchein Manheim
Hambacher Forst
Rund um die Kirche

Wir schlendern die Straße entlang, in der noch ein Haus bewohnt ist. Alle anderen Häuschen, neuere und wirklich alte, sind verlassen, die Jalousien heruntergelassen und die Haustüren verriegelt. Vor einigen Eingängen finden sich noch zerfledderte Ikeakataloge, die hier schon monate- oder sogar jahrelang zu liegen scheinen. Die Umsiedelung wurde bereits 2011 beschlossen und hat 2012 begonnen. Durch manche Briefkästen ist Laub in die unbewohnten Dielen hineingeweht, was man durch die Glasbausteine erkennen kann. Wie es wohl ist, hier noch auszuharren? Wir trauen uns nicht zu fragen, obwohl uns zwei offenbar noch hier lebenden Hundebesitzer begegnen und keinen Anstoß an uns und unseren Kameras nehmen. Selbst wenn der Beschluss, den Ort abzureißen, gekippt würde, das Leben würde wohl nicht mehr hierhin zurückkehren. Die Atmosphäre ist schon trostlos hier. Straßennamen wir Sonnenblumenstraße und Esperantostraße wirken vor dieser Kulisse makaber. Und wir müssen uns fragen, warum wir nicht schon früher hier waren und uns nicht früher gegen den Braunkohleirrsinn eingesetzt haben.

Hambacher Forst
Verlassene Fassaden
Hambacher Forst
Hoffnungsvolle Namen, die hier trostlos wirken

Am Ortsrand laufen wir am Feld entlang. Auf einem Parkplatz steht noch ein Dutzend funktionstüchtig aussehende LKW. Ein Bauer fährt unverzagt mit seinem Trecker vorbei und grüßt freundlich als wäre nichts geschehen. Leben geht weiter. Milan entdeckt im Schutt (ein paar Häuser wurden schon weggebaggert) eine rotblühende Rose. Wir kommen an einer verlassenen Pizzeria, einem verlassenen Gemeindehaus und einem Bauernhoftor, hinter dem die Kinder noch ein paar Kühe entdecken, vorbei. Auf einem maroden Spielplatz finden die Jungs einen halben Fußball, mit dem sich nicht wirklich gut kicken lässt. Wir versuchen uns vorzustellen, wie das Leben hier war und können es uns doch nicht vorstellen.

Hambacher Forst
Am Ortsrand von Manheim
Hambacher Forst
Ab übers Feld
Hambacher Forst
Blüten im Schutt
Hambacher Forst
Hier stehen noch funktionstüchtig aussehende LKW herum
Hambacher Forst
Hier wurde schon lange keine Pizza mehr gebacken
Hambacher Forst
Gemeindehaus in Manheim
Hambacher Forst
Hier wurde noch eine Kuh gesichtet
Hambacher Forst
Reste eines Spielplatzes in Manheim

Schließlich fahren wir weiter zum Hambacher Forst. Hier wird es richtig voll, denn für heute ist der Waldspaziergang geplant, eine wöchentlich stattfindende Demonstration. Die Jungs interessieren sich vor allem für die geräumten und nun langsam wieder entstehenden Baumhäuser und deren Bewohner, mit denen sie schnell ins Gespräch kommen. Die Mischung aus jungen, internationalen „Event-Aktivisten“, Anwohnern und Familien ist bunt, die Stimmung entspannt, alle grüßen freundlich und man fühlt sich gleich in einer Gemeinschaft, die sich gemeinsam über den im letzten Moment beschlossenen, zumindest vorläufigen Stopp der weiteren Rodung des Hambacher Forsts freut. Wir wandern durch den Forst bis zum Abbaugebiet, was schon große Teile des alten Baumbestands weggefressen hat. Ein Aktivist erklärt den Kindern, dass die Fläche des Hambacher Abbaugebiets größer als die Gesamtfläche der Stadt Köln sei und das Loch bis zu 450 Meter tief. Man sieht die Abbaugebiete vom Mond aus.

Hambacher Forst
Hambacher Forst
Hambacher Forst
Reste eines uralten Waldes
Hambacher Forst
Hambi bleibt - zumindest vorerst
Hambacher Forst
An der Abbruchkante
Hambacher Forst
Der letzte Rest des Hambacher Forsts

Um dem Tagebau noch näher zu kommen und die ganze Dimension auch nur annähernd erfassen zu können, fahren wir noch weiter zu einer letzten Station, zum Aussichtspunkt Terranova, von RWE liebevoll „Zukunftslandschaft für Energie“ genannt. Meinen die das wirklich ernst? Wer die RWE Werkstraße auf eigene Gefahr befährt und hier parkt, darf sich bis direkt an die Abbruchkante vorwagen und im eisigen Wind (Bäume, die ihn aufhalten könnten, gibt es hier ja nicht mehr) den spektakulären Blick auf die verunstaltete Landschaft genießen. Auch heute, am Sonntag, stehen die Schaufelradbagger nicht still, sondern baggern fleißig weiter nach Braunkohle. Die Kinder freuen sich über einen von RWE spendierten Spielplatz und wir hatten uns eigentlich auf einen Kaffee und ein Mittagessen im Terranova Café gefreut. Das hat allerdings zu, wie uns ein merkwürdig formuliertes Schreiben am Eingang erklärt. Offenbar gab es unüberbrückbare Differenzen zwischen Pächtern und Betreibergesellschaft RWE, was sie Ausrichtung dieses Ausflugslokal betrifft. Schade. Auch das Fußballgolf-Feld, auf das wir uns gefreut hatten, hat zu, echt tote Hose und sehr ungemütlich hier, Zeit also, den Rückweg anzutreten.

 

Hambacher Forst
Was bleibt
Hambacher Forst
Weg zur Abbruchkante
Hambacher Forst
Alles hat zu

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Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Kay |

Super, dass ihr nicht nur die „schöne“ Welt zeigt!

Kommentar von Nadja |

Hi,
Deine Fotos sind gespenstisch schön. Sie fangen die trostlose, unwirkliche Szene super ein. Ganz toll!

Gruß Nadja

Wir reisen gerne und das hat sich auch mit Kindern nicht geändert. Auf unserem Reiseblog berichten wir über unsere Reisen mit Kindern durch die ganze Welt, aber auch über Ausflüge in die Nähe oder Wochenendtrips. Dabei erzählen wir Geschichten von unterwegs, zeigen Fotos und Videos und geben konkrete Tipps und Anregungen.
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